Chronische Schmerzen:
Akute Schmerzen haben eine wichtige Warnfunktion – der Griff an die heiße Herdplatte führt zum Schmerz, der blitzartig das reflektorische Zurückziehen der betroffenen Hand auslöst. Nachfolgend erinnert der Verbrennungsschmerz bis zum Abklingen der Symptomatik den Verletzten daran, die Hand zu schonen. Bei chronischen Schmerzen ist dieser sinnvolle Zusammenhang zwischen Schmerz und Schutz verloren gegangen. Bei den allermeisten chronifizierten Schmerzen hat der Schmerz keine notwendige Warnfunktion mehr und die körperliche Schonung, die meist dadurch ausgelöst wird, hat eher negative Folgen. Chronische Schmerzpatienten sehen sich oft hilflos den Schmerzen ausgeliefert und leiden unter einer massiven Einschränkung der Lebensqualität.

Behandlungsoptionen:
Am Anfang der Behandlung chronischer Schmerzpatienten steht immer die ausführliche Befragung und Untersuchung des Patienten. Es wird geklärt, inwieweit noch eine aktuelle Schädigung des Körpers besteht, die gezielt beseitigt werden kann. Ist dies nicht der Fall, wird mit dem Patienten gemeinsam ein Therapieziel definiert und aus der Fülle der Behandlungsoptionen ein Therapieplan zusammengestellt, mithilfe dessen das Ziel erreicht werden soll.

Medikamentöse Therapie:
Schmerzentstehung und -verarbeitung ist ein sehr komplexes Geschehen im Körper, an dem unter anderem Sinneszellen, Rückenmark und Gehirn beteiligt sind. Dies macht man sich bei der Behandlung mit Schmerzmedikamenten zu Nutze: Mittlerweile steht den Ärzten eine Vielzahl von Medikamenten mit ganz unterschiedlichen Angriffspunkten bei der Schmerzentstehung und -weiterleitung im Körper zur Verfügung. Daher werden bei der Behandlung chronischer Schmerzen auch häufig Schmerzmedikamente kombiniert, je nach dem, welcher Schmerzcharakter im individuellen Fall im Vordergrund steht. Oft nehmen Patienten bereits zahlreiche andere Medikamente ein, die bei der zusätzlichen Verordnung von Schmerzmedikamenten zu Wechselwirkungen führen könnten. Bringen Sie deswegen immer einen aktuellen Medikamentenplan zur Vorstellung hier mit, damit die Schmerztherapie auf die bestehende Hausmedikation abgestimmt werden kann!

Interventionelle Verfahren:

Damit sind Verfahren gemeint, bei denen ein Medikament gezielt lokal verabreicht wird oder der Schmerz durch einen kleinen ambulanten Eingriff beeinflusst werden soll. Ein Beispiel ist die Infiltration des Nervus ilioinguinalis nach Leistenbruch-OP oder des Nervus okzipitalis major bei bestimmten Kopfschmerzen. Auch die sogenannte Stellatumblockade oder die Verödung des Ganglion Gasseri kommen bei bestimmten Schmerzsyndromen zum Einsatz. Bei Patienten mit Rückenleiden kann die röntgengestützte Infiltration der kleinen Zwischenwirbelgelenke oder der Iliosakralfuge hilfreich sein. Mitunter wird auch eine Verödung der Schmerzfasern, die die kleinen Gelenke versorgen, eingesetzt (Thermokoagulation).

Operative Verfahren:
Gelegentlich kann es sinnvoll sein, Schmerzmedikamente über eine in den Körper eingesetzte Pumpe direkt in das Nervenwasser einzuleiten. Diese Pumpe kann dann von außen befüllt und eingestellt werden. Chronische Beinschmerzen nach Bandscheibenvorfall, aber auch beispielsweise mit Medikamenten nicht ausreichend beeinflussbare Angina pectoris-Beschwerden können durch Stromimpulse behandelt werden, die ein in den Körper eingebrachtes Elektrodensystem auf das Rückenmark abgibt. Die Elektrodenanlage bei der sogenannten SCS (Spinal Cord Stimulation) wird zunächst testhalber durchgeführt und erst bei ausreichendem Ansprechen des Patienten endgültig angepasst. Bei einer medikamentös schlecht behandelbaren Trigeminusneuralgie (blitzartig einschießender Gesichtsschmerz) kann eine Polsterung des Nerven in seinem Austrittsbereich aus dem Hirnstamm das Leiden beenden (mikrovaskuläre Dekompression nach Jannetta). Dies alles sind schmerztherapeutische Eingriffe, die nur bei ganz bestimmten Patienten nach ausführlicher Aufklärung zur Anwendung kommen. Dann aber, gezielt eingesetzt, können sie von großem Nutzen sein.

Bewegung, Sport und Physiotherapie:
Menschen mit chronischen Schmerzen bewegen sich nicht nur oft zu wenig, sie entwickeln manchmal auch Angst vor der Bewegung, weil diese den Schmerz verstärken könnte. Diesen Kreislauf gilt es, zu durchbrechen, da Bewegung und Verbesserung der Ausdauer Schmerzen lindert, Stress abbaut und die emotionale Befindlichkeit positiv beeinflusst. Anfangs kann hier eine gezielte physiotherapeutische Mitbehandlung hilfreich sein. Langfristig ist das Heranführen der Patienten an eine regelmäßige Bewegung oder das Ausüben einer Ausdauersportart begleitet von gezielten Eigenübungen, angepasst an das individuelle Leiden, das Ziel. Bei Patienten mit Wirbelsäulen- und Gelenkerkrankungen spielt die manuelle Therapie eine wichtige Rolle im Therapiekonzept. Gerade für Patienten mit Wirbelsäulenleiden gibt es zusätzlich von den Krankenkassen angebotene Langzeitprogramme, zu denen wir weitervermitteln können.

Psychologische Verfahren:
Chronische Schmerzen haben oft einen sehr weitreichenden Einfluss auf das Leben und den Alltag der betroffenen Menschen. Was diese Menschen oft nicht wissen, ist das Umgekehrte: Auch sie haben einen großen Einfluss auf ihre Schmerzen! Genau damit beschäftigen sich die psychologischen Verfahren zur Schmerzbehandlung. Der Schmerz kommt tatsächlich nicht unbewertet in unserem Bewusstsein an, sondern wir haben im Zuge der Schmerzverarbeitung viele Möglichkeiten, auf unser eigenes Schmerzerleben Einfluss zu nehmen.

Häufig hilft es schon, einfach gut informiert zu sein, über chronischen Schmerz, wie er entsteht und wie man damit umgehen kann. Wir nehmen uns im Rahmen eines ausführlichen Informationsgespräches dafür Zeit.

Eine Form der unbewussten Reaktion auf Schmerzen ist die Verspannung der Muskulatur, welche wiederum zu einer Aufrechterhaltung oder Verstärkung der Schmerzen führt. Menschen, die gelernt haben, körperliche Entspannung willkürlich herbeizuführen, haben damit ein wirkungsvolles Instrument zur Schmerzbeeinflussung in der Hand. Hier bieten sich Verfahren wie die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson oder das autogene Training an.

Sollte der psychologische Behandlungsbedarf unsere Möglichkeiten in der Praxis übersteigen, stellen wir gerne den Kontakt zu niedergelassenen Psychologen her. Gerade die kognitive Verhaltenstherapie kommt bei chronischen Schmerzpatienten oft sehr erfolgreich zum Einsatz. Noch intensiver mit der Verflechtung von Psyche und Körper beschäftigt sich die Psychosomatik, ein medizinisches Spezialgebiet, welches auch im unmittelbar benachbarten HBH-Klinikum vertreten ist. Auch hier besteht eine gute Zusammenarbeit, die wir für unsere Patienten nutzen können.

Chronische Schmerzen sind eine echte Herausforderung – wir nehmen sie mit Ihnen gemeinsam an